Alternativen zur Kapitulation

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Der direkte Blick der weißgekleideten Psychopathen.



Einer meiner Standardantworten lautet: „Funny Games“. Meistens auf die Frage, welcher Film mir bisher am meisten Schrecken eingeflößt hat. Meistens füge ich dann noch hinzu: „Eier ausborgen“ und denke, da können in Saw 1- 26 noch soviele Köpfe abgetrennt werden, aber wenn Frank Giering die Eier fallen lässt, zucke ich besser zusammen.

Heute. Gestern. Oder vor elf Jahren. Da hab ich den Hanekefilm im Kino gesehen. Seitdem kein zweites Mal. Und allein aus der Erinnerung rekonstruiert, was Grauen bedeutet. Bis gestern. Da lag plötzlich die usamerikanische Version im DVD-Player, die ja 1x1 das Original wiederaufleben läßt. Nur Naomi Watts, Tim Roth etc. sind neu. Und auch dieses Gefühl, was ich bis dato nicht mit „Funny Games“ in Verbindung brachte. Oder besser: Kaum ein Gefühl. Auch kein Grauen. Die 100 Minuten rauschen vorbei, ich hake John Zorn zu Beginn ab und freue mich auf die FastRewindSzene und über jeden direkten Blick der weißgekleideten Psychopathen in die Kamera.

Danach fällt es mir schwer, die Gedanken zu ordnen. Woran lag es, dass ich das eigentlich erwartbare Gefühl nicht einmal ansatzweise reproduzieren konnte? Abstumpfung? Die in den vergangenen elf Jahre veränderten Rezeption? Der fehlende Überraschungsmoment? Oder ist die US-Version einfach weniger beklemmend, weil zum Beispiel Brady Corbet und Michael Pitt mehr auf Schaueffekte setzen als auf den Wiener Schmäh von Arno Frisch und Frank Giering, weil die Gewalt weitaus deutlicher inszeniert war und deshalb den konstruierten Anspruch des Originals vermissen ließ?

Alles durchaus mögliche gute Gründe und zudem ein weiterer, sich endlich wieder dem 97-Urfilm auszusetzen. Und währenddessen nochmal darüber nachdenken, was denn der wirkliche Horror von „Funny Games“ ist: Sicher nicht das Gezeigte, sondern das Konstrukt dahinter, also Horror, weil der Film die grundsätzlichsten Regeln des Erzählens verletzt:

1, die Guten gewinnen. Wenigstens überlebt einer der Guten. Wenigstens deutet die Erzählung an, dass er das Handeln der Bösen verwerflich findet.
2, dem Kind passiert unter keinem Umständen etwas
3, die Erzählung täuscht vor, Regel 1 und 2 jederzeit brechen zu können und verschleiert dadurch sein Wesen als Konstrukt

Der einzige größere Film, den ich in der letzten Zeit gesehen habe, in dem zumindestens ein Hauch der in „Funny Games“ konstruierten Verneinung aller Sicherheiten mitschwang, war „Der Nebel“. Jedenfalls in den letzten zehn Minuten des Films abzüglich der allerletzten Szene. Ansonsten gilt Regel 1-3.
Und das macht, bei allem fehlendem Gefühl, „Funny Games U.S.“ wenigstens für den Kopf immer noch zu einem schrecklich beunruhigenden Film. Auch und gerade weil ich das Wort „Konstrukt“ viel zu oft in diesen Zeilen verwendet habe.
11.11.08 14:45
 



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