Alternativen zur Kapitulation

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Mehrere Leben führen.
Melt! Festival - Gräfenhainichen / Ferropolis

Es sind ja immer Entscheidungen zu treffen. Wie PeterLicht singt: "Was du nicht kannst, ist mehrere Leben führen." Das Melt! 2006 fordert die eigene Logistikabteilung diesmal mit vier Bühnen und damit vier zeitgleich spielenden Alternativen. "Wenn ich nur vorbei flieg, muss ich da nicht landen" singen Die Sterne. Und so fliegt man an diesem heißen Wochenende von Geministage zur Medusastage zum Melt!Klub und schaut und staunt und bewegt sich, aber hauptsächlich weiter, weil es überall glitzert und dröhnt und Zuckerwatte verspricht, die man nicht verpassen möchte.

So muss jeder für sich Prioritäten setzen und versprechen, sich später nicht über verpasste Gelegenheiten zu ärgern. Zuerst allerdings eine Erkenntnis: Gästelistenwarteschlangen sind die Rache der Veranstalter für all die sonnenbrillentragenden Schnorrer aus der Medien/Bandfreundebranche. Und: Schminken bei …Trail of Dead ist keine gute Entscheidung, wenn man dabei mittig vor der Bühne steht. Macht trotzdem eine junge Frau, während gleichzeitig Bässe Genicke brechen. Sänger Jason Reece versteckt sich hinter mannsgroßen Verstärkern, lauert dort, inszeniert ein gigantisches Völkerballspiel mit Hindernissen. Am Ende des Sets kippt er Wasser aus Mineralwasserflaschen auf die Bühne, welches von den Monitorboxen hinab die Rücken rinnt und beim Verdampfen Gänsehaut hinterlässt.

Art Brut könnten das gesamte Wochenende Art Brut! Top of the pops skandieren. Irgendwann würde jeder einzelne Besucher daran glauben müssen. Auch wenn das bis vor kurzem noch so unbekümmert wirkende Zitieren bekannter Rockshowklischees in seiner endlosen Wiederholung mittlerweile selbst zum Klischee erstarrt ist; ein Stern, der nur kurz glühen wird. Ansonsten gilt: vor der Hauptbühne wird geguckt, vor der Gemini Stage getanzt. Tanzen funktioniert super bei Hot Chip, den Infadels, Pitchtuner, während sich Soulwax nach starkem Beginn in Nickligkeiten verlieren. Dafür gibt es für jedes „Germany, let me hear some fucking noise“ der The Streets einen angestrahlten Braunkohlebagger extra. Bei Let's Push Things Forward leuchtet das gesamte Ferropolis.

Alles ein bisschen bei Aphex Twin. Ein bisschen Exklusivität, ein bisschen gelüftetes Rätsel, ein bisschen angestrengter Wahnsinn (rollstuhlfahrende Ewoks), ein bisschen normales DJing, das in seiner unsensationellen Art so auch auf die Big Wheel Stage gepasst hätte, ein bisschen Come to Daddy Tobsucht, welche den Timeslot als Headliner mindestens rechtfertigt — am Ende ist man nur ein bisschen unfroh, dabei gewesen zu sein und doch nicht bei den zeitgleich spielenden Kante im Melt!Klub. Überhaupt der Melt!Klub: Auf dem Papier eine hervorragende Idee, durch künstlich erzeugte Enge intensive Atmosphäre zu schaffen. In der Praxis bedeutet dies einen unansehnlichen, schlecht belüfteten Raum mit halligem Klang und dem erzwungenen Ausschluss Vieler. Die Sterne oder The Whitest Boy Alive hätten bestimmt die doppelte Menge sehen wollen. Auch scheint das Ferropolisgelände an seine Kapazitätsgrenzen gekommen — mehr Besucher würden das Umherwandern zwischen den vielen Anlaufpunkten zum unangenehmen Slalomlauf mutieren lassen. Positiv hingegen der dezentere Umgang mit der Präsentation von Sponsoren.

Als die Pet Shop Boys spielen, öffnet sich ein Zeitfenster. Ein Fremdkörper zwischen all den gegenwärtigen Sounds auf dem Melt!, der sofort auch als solcher identifiziert wird. Aber deshalb irgendwie auch genau richtig. Nahezu jeder Song ist im Langzeitgedächtnis gespeichert. Und sobald die Briten nicht mehr selbst im Mittelpunkt stehen, sondern zu Beobachtern ihres eigenen Spektakels werden können, geht das Konzept auf. 15jährige Mädchen mit offenen Mündern, die nicht wissen, ob sie die spektakulärste Show des Wochenendes gut finden dürfen. Die, die sich dagegen entscheiden, haben ebenso überzeugende Argumente wie jene, die bleiben und bei The Sodom And Gomorrah Show Pop in seiner Überschneidung als Projektion, Musical und großem Song in Perfektion erleben dürfen.

Wenn die Pet Shop Boys also ein Kindergeburtstag sind, bei dem jeder der Zuschauer für sich entscheiden muss, ob er daran teilnehmen will, so stellt sich bei Deichkind diese Frage nicht mal im Ansatz: Wie unartige Abiturienten, die sturmfrei haben, wirft die Electricsuperdanceband Sofas von der Bühne und strippt, bis nur die Pappmachépyramide auf dem Kopf bleibt. Yippie Yippie allerorten, bis am Ende des Sets die ersten fünfzehn Reihen die Bühne stürmen und so die Technik zum Erliegen bringen.

Der komplette Gegenentwurf vom Abfeiern der eigenen Infantilität PeterLicht. Um es klar zu stellen: das ist nicht weniger als das wichtigste Konzert / Lesung / Bekenntnis des Jahres. So einfach ist das manchmal: Jemand mit Gitarre auf der Bühne und dem unbedingten Bedürfnis, etwas Dringendes sagen zu müssen. PeterLicht verteilt Textblätter mit der Aufforderung zum Mitsingen ans Publikum. "Wir sind jung und machen uns Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt." Fünf, zehn, fünfzehn Minuten: Am Ende brüllt PeterLicht, heiser neben sich stehend und mit sich überschlagender Stimme „Sorgen, Sorgen“ ins Mikrophon. Will damit das Konzert beenden, doch der Melt!Klub singt weiter, immer weiter, von der Möglichkeit getrieben, zwischen all den an diesem Wochenenden gebrüllten Animierrufen etwas Substanzielleres rufen zu können. Das Thema der eigenen Zukunft liegt irgendwie doch am Herzen. Ein Moment, der so nicht wieder kommen wird.

Das Zentrum des MELT! ist Energie. Energie, die nicht aus Braunkohle gezogen wird, sondern von den Bühnen. Sich also nicht ärgern, wenn Erlend Oye oder Miss Kittin verpasst wurde, The Kooks oder Roni Size. Heute liegt der See bei Gräfenhainichen schon wieder ruhig.
17.7.06 09:47
 





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