Alternativen zur Kapitulation

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Lesen 2008.



Paul Auster. Reisen im Skriptorium.
In einem Satz: Mann im weißen Raum erinnert sich.

Zu Paul Auster muss ich die lustige Geschichte eines Ignoranten schreiben. Also meine. Weil vor vielen Jahren an einem lauschigen Abend eine mir sehr unsympathische Person im Nasalbrustton (also der Ton, wenn man zuvor Weisheit mit Löffeln aß und danach Luft näselnd den Mund verließ) behauptete, ihr Lieblingsautor wäre Paul Auster. Jemand fragte, welches seiner Bücher sie mochte und ihr fiel keins ein, was mich zum Glauben verleitete, Auster wäre DAS literarische Feigenblatt semihipper Schnicksen. 2008 wird der Bann des Bösen gebrochen und ich greife unwissentlich zu dem Buch von Auster, von dem erfahrene Kritiker behaupten, es beziehe sich auf Austers frühere Bücher und wäre nur zu verstehen, wenn man diese gelesen hätte. Diese Kritiker fanden das Buch auch sonst unerheblich. Ich hingegen wollte wissen, warum ein alter Mann in einem Raum sitzt und nichts weiß. Was ist das große Geheimnis dahinter? Und schon aktiviert sich mein LOST-Gen. Eine logische Erklärung für das offensichtlich Unlogische finden zu wollen. Und so lese ich mich durch die wenigen Seiten in kurzer Zeit und bin am Ende gar nicht mal so enttäuscht. Auch weil ich jetzt weiß, dass Auster einer der Schrumpfpenisliteraten ist. Also jemand, der sich seitenlang über das schrumpfende Geschlechtsteil seines Protagonisten auslassen kann und darin eine Metapher für Vergänglichkeit sieht. Warum auch nicht? Ein Schrumpfpenis ist immer noch die bessere Metapher als eine Sanduhr.

Richard Dawkins. Der Gotteswahn.
In einem Satz: Theologie ist keine Wissenschaft.

Nach dem Auslesen hab ich die 1SterneBewertungen des Buchs auf amazon studiert. Interessant, weil: Die Kritiker stets die Argumente anführen, von denen Dawkins schreibt, dass Evolutionskritiker sie stets anführen würden. Da man bei amazon auch kommentieren kann, antworteten die Kritiker der Kritiker mit den Argumenten, mit denen Dawkins in seinem Buch die Argumente seiner Kritiker widerlegt. Und so manifestiert sich meine Überzeugung, dass der Gotteswahn weniger ein wissenschaftlicher Beweis der Nichtexistenz eines Gottes ist, als vielmehr Argumentationshilfen bietet, für alle, die gerne sagen wollen: Es gibt keine christlichen/muslimischen/jüdischen Kinder, sondern nur Kinder christlicher/muslimischer/jüdischer Eltern.

Dawkins ist polemisch und macht sich dabei oft gemein mit der (abfälligen) Sprache seiner Gegner und er wiederholt seine Aussagen auf 600 Seiten 1200 mal, was circa 1199 mal unnötig ist. Außerdem ficht er Kämpfe aus, die mir im fernen Deutschland seltsam antiquiert erscheinen: Eine religiöse Rechte, die Einfluss auf die Politik nimmt? ID? Ganz ehrlich; wer aus meinem Bekanntenkreis vertritt ernsthaft die These, ein intelligenter Designer hätte das Auge geschaffen? Und das gleich zehnmal? Da warten wir lieber gemeinsam auf SPORE. Andererseits ist Gott auch ein spannendes Thema, gerade wenn es um Dogmen geht und wie in Gottes Name Unrecht getan wird. Und auch spannend, wenn Dawkins dem Leser nach den Kreuzzügen und der Empfängnisverhütung die aktuellsten Argumente (inklusive Dänemark) gegen Kirchen auf dem Silbertablett serviert. Also wahlweise South Park schauen oder Dawkins lesen. Unklüger wird man von beiden sicher nicht.

Markus Heitz. Die Mächte des Feuers.
In einem Satz: Drachen stiften Verwirrung.

Die Fantasywochen sind angebrochen. Gute Entscheidung, weil wer kann ernsthaft etwas gegen Drachen haben, die in einer Parallelwelt in der 20er Jahren des 20. Jahrhunderts gegen Zeppeline kämpfen, in einer Welt, in der es Gilden gilt, welche die bösen Drachen mit Doppeldeckern beschießen, in einer Welt, in der eine faschstiode Kirche ...? Super also, auch wenn der Heitz bisher eher so Bücher schrieb wie „Das Schicksal der Zwerge“. Wie auch immer. Die Hauptfiguren sind erst mal gar nicht so eindimensional gut oder böse und vor allem sterben sie reichlich, oft und unerwartet. Schon schön. Überhaupt dieses gesamte Szenario. Leider haben Parallelweltgeschichten die unangenehme Tendenz, im Verlauf der Geschichte hanebüchen zu werden. So hier. Aus dem nichts fügt Heitz seinem Kosmos neue Regeln hinzu; Drachen können plötzlich sprechen und verwandeln sich in Menschen und steinerne Wasserspeier laufen durch München. Konfus und am Ende eine Welt, in der ich nicht leben will. Auch nicht gedanklich.

Bernhard Kegel. Der Rote.
In einem Satz: Riesenkalmar stiftet Verwirrung.

Nehmen wir an, ein Autor hat eine Idee. Etwa: Was wäre, wenn es einen Riesenkalmar gäbe? Und um diese Idee herum schafft er Figuren: einen von Dämonen der Vergangenheit geplagten deutschen Kalmarexperten, eine ehrgeizige, beziehungsgeschädigte Meeresbiologin, einen zwielichtigen Kryptozoologen. Dann beginnt der Autor zu schreiben, Frank Schätzing veröffentlicht „Der Schwarm“, was dem Autor aber nicht in Selbstzweifel stürzt und er stattdessen bockig behauptet: „Diese Grundidee und diese Figuren reichen. Mehr braucht das Buch nicht. Den Rest fühl ich einfach mit inneren Monologen, Dialogen und klar, wissenschaftlichem Blabla.“ Das könnte der Autor machen. Dann muss er aber auch damit leben, dass am Ende „Der Rote“ rauskommt.


Stephen L. Carter. Die schwarze Dame.
In einem Satz:Professorin deckt Komplott an der Uni auf.

Das Vorgängerbuch „Schachmatt“ verlor damals hauchdünn gegen das ähnlich geartete „Von der Schönheit“. Diesmal aber konkurrenzfrei eine Geschichte über einen Mord/ein Komplott an einer amerikanischen Universität, betrachtet aus der Sicht der afroamerikanischen Gemeinschaft. Erscheint bekannt? Ist auch so. Selten so konsequent eine quasi 1:1,5 Kopie eines erfolgreichen Erstlings gelesen. Glücklicherweise war dieser spannend und schlau. Und ist die schwarze Dame auch hier, Wenn auch zu lang, zu verworren und zu kleinteilig. Auch weil Stephen L. Carter des öfteren durchblicken lässt, dass er ein ziemlich kluger Kopf ist. Außerdem, und das ist zur Abwechslung mal meine persönliche Meinung, habe ich gerade so Beschreibungen von Standesdünkel und das richtige Auftreten in der feinen Gesellschaft und vor allem die Sezierung der sanften Diktatur der political correctness ziemlich über. Es gibt wichtigere Fragen, weiß auch Richard Dawkins, als die Frage danach, wie man sich vermeintlich richtig verhält und sich sicher durch das gesellschaftliche Minenfeld bewegt, um am Ende mit gutem Gewissen Steuern in Liechtenstein zu hinterziehen und dann... (so in etwa schweift auch das Buch ab.)
20.2.08 12:03
 
s



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